Zeichen – nicht nur der Jahreszeit

Selbst in Kiel kann man merken, dass Winter ist. Nein, natürlich nicht daran, dass nennenswerte Menge Schnee zu sehen wären. Aber schaut man aus den Fenstern der Logopädieschule im Kieler Schloss fällt der Blick auf den verwaisten Parkplatz vor dem Ostseekai. Dort wo sich im Sommer die Autos und Busse in Scharen in den verschiedenen Spuren einreihen, um die reisefiebrigen Passagiere an Bord der Kreuzfahrtschiffe zu lassen (oder sie am Ende der Reise wieder einzusammeln), ist jetzt nur eine freie, verwaiste Fläche. Dadurch kommen jedoch eine Vielzahl geometrisch angeordneter Linien zur Geltung.

So wie unsere Worte ein Zeichensystem darstellen mit denen wir uns verständigen, so handelt es sich auch bei diesen Strichen auf dem Boden um Symbole, deren Bedeutung entschlüsselt und richtig interpretiert werden muss, damit eine reibungslose Teilnahme am Verkehr auf diesem großen Parkplatz möglich wird. Es gibt eine Vielzahl von Symbolsystemen: Verkehrsschilder, Ampelfarben, Farben an Armaturen für kalt/heiß, Wimpelalphabet, Morsealphabet, Brailleschrift uvam. In allen diesen Beispielen hat ein Zeichen eine bestimmte Bedeutung.

Menschen, die nach einem Schlaganfall eine schwere Sprachstörung erleiden (Aphasiker), können dann eventuell nicht nur sprachliche Zeichen nicht mehr richtig entschlüsseln, sondern auch bei anderen Symbolen ist die korrekte Interpretation des Sinns nicht mehr selbstverständlich. So kann im Extremfall der Wasserhahn falsch aufgedreht werden, so dass sich der Betroffene die Hände verbrüht. In solchen Fällen könnte der Eindruck entstehen, dass Aphasiker denen so etwas passiert „dumm“ sind, aber es handelt sich bei Aphasie nicht um eine Denkstörung im Sinne einer geistigen Behinderung, sondern wie beschrieben um eine Symbolstörung, die auch nicht-sprachliche Bereiche mit erfassen kann. In der Zusammenrabeit mit Neuropsychologen versuchen LogopädInnen in solchen Fällen, dass die Patienten wieder in die Lage versetzt werden, Zeichen mit der richtigen Bedeutung zu verknüpfen.

Veröffentlicht von Norbert Frantzen

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