Von Lippenblütlern und anderen gesammelten Wörtern

Auch wenn das einige konservative Sprachhüter gar nicht so gerne haben: Deutsch ist eine lebendige Sprache, in der es immer wieder neue Wörter zu entdecken gibt. Entweder entstehen diese Neuschöpfungen zufällig im alltäglichen Sprachgebrauch, oder aus dem Versuch, mit einer Wortfindungsstörung galant umzugehen, oder weil professionelle Kreative in der Werbebranche oder im Bereich des Journalismus auf sich oder ihr Produkt aufmerksam machen wollen. Einige neue Begriffe bleiben nur auf bestimmte Personengruppen beschränkt (z.B. Jugendsprache), andere wiederum werden von vielen KommunikationsteilnehmerInnen genutzt. Welcher Begriff sich dabei durchsetzt und welcher sich nur als Eintagsfliege entpuppt hängt sicherlich von vielen Faktoren ab und lässt sich nicht mit Gewissheit vorhersagen. Genau so wenig lässt sich erklären, warum einige Wörter, die bisher zufriedenstellend ihren Verständigungsdienst versehen haben, verschwinden; vielleicht, weil sie nicht mehr in den Zeitgeist passen , also nicht mehr trendy sind (z.b. hanebüchen, Lichtspielhaus, Nasenfahrrad uvm.). Beim Thema Auftauchen und Verschwinden von Wörtern stellt es selbstverständlich einen Unterschied dar, ob das Wort überwiegend im passiven Wortschatz verharrt oder ob es auch Einzug hält in die aktive, alltägliche Verwendung.

So oder so, egal ob wir wollen oder nicht: unser Wortschatz verändert und erweitert sich ständig. Aber: Schaut man sich Politiker oder Fußballer im Interview an oder belauscht man im Alltag Gespräche so können einen Zweifel befallen, da sich da eher Plattitüden und Floskeln aneinander reihen, die man schon allzu oft gehört hat. Abgesehen von solchen wiederkehrenden Worthülsen, die sich scheinbar sehr hartnäckig festgesetzt haben, da sie so oft verwendet werden, gibt es auch noch Begriffe, die besser nicht neu erfunden worden wären. Solche Sprachverkehrsunfälle werden jedes Jahr gesammelt, um dann einen besonders misslungenen Ausdruck zum Unwort des Jahres zu küren (wie in dieser Woche geschehen, siehe ww.unwort-des-jahres.de).

Jetzt aber wieder zu originellen Wörtern: In Anlehnung an das Bilderbuch über die Maus Frederick wurde vor kurzem auf dieser Seite geraten, sich für die dunklen Wintermonate nicht nur mit ausreichendem Proviant einzudecken, der dem Leib schmeichelt, sondern auch geistige Nahrung zu horten, indem Wörter gesammelt werden, aus denen sich dann treffliche Geschichten zaubern lassen, wie das folgende Beispiel zeigt, in dem der Versuch unternommen wird, die in der letzten Zeit aufgeschnappten Begriffe (fett und kursiv) miteinander zu verbinden. (Könnte auch eine gute, wenn auch anspruchsvolle Übung in der logopädischen Therapie sein.)

Es ist die Zeit der Blattleere. In dieser Phase des Jahres lässt sich wunderbar herumschildkröteln. Jetzt ist die Zeit für die Lektüre eines  wundervoll altmodischen Holzmediums. Schön kann es natürlich auch sein, im Dämmerlicht des frühen Nachmittags mit Gleichgesinnten in einem gemütlichen Café zu plaudern. Während das Gegenüber spannende Anekdoten erzählt verfällt man in eine wohlige Kommunikationsduldungsstarre. Oder man sitzt allein mit der neuesten Kaffeekreation und blättert gedankenverloren in der Rentner-Bravo. Noch besser ist es natürlich aktiv etwas für die Gesundheit zu tun, indem man in die Badeanstalt geht, wo jetzt auch der nette neue Startblockwart seinen Dienst versieht. Nach dem nassen Element kann man etwas gegen die jahrezeitbedingte Blässe unternehmen, indem man eine Sonnenbank nutzt, natürlich erst nach dem eingehenden Studium der Besonnungvorschriften. Aber aufgepasst: Hinterher nicht die satte Benetzung mit Desinfektionsflüssigkeit vergessen! Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen entwickelt sich hin und wieder ein lästiger Lippenblütler. Nachher belohnt man sich für soviel Aktivität noch mit Karusselfleisch, wohlwissend damit der figurlichen Dauerbedrouille nicht wirklich entronnen zu sein. Den diesbezüglichen Kommentaren des Lebenspartners/der Lebenspartnerin sieht man jedoch mittlerweile gelassen entgegen, da man sich im Laufe der Zeit zu einem routinierten Retourkutschenfahrer gemausert hatte. Mit Gelassenheit und fast professionell wirkender Ungewissheitstoleranz sieht man auch noch den restlichen Wintertagen entgegen.

So, jetzt sind die geneigten Leser dran! Welche bekannten Begriffe verbergen sich hinter diesen Neuschöpfungen? Und haben Sie auch sprachliche Neuheiten/Kuriositäten gesammelt? In der Hoffnung darauf, nicht allzuviel Ungewissheitstoleranz aufbringen zu müssen bis die Vorschläge und Fundstücke eintrudeln, verbleibe ich noch mit einer abschließenden Gegenüberstellung: im letzten Jahr hat sich bei uns das Verb „wulfen“ eingeschlichen, während sich in Schweden das Tätigkeitswort „zlatanieren“ durchsetzte (da der Artikel eh schon zu lang geworden ist, kann das nicht näher erklärt werden, sondern es gilt für Sie jetzt die passive Konsumentenhaltung zu durchbrechen und selber zu recherchieren, welche Bedeutung diese Begriffe haben).

Das wirft die Frage auf, ob die Sprache immer die neuen Wörter bekommt, die sie auch verdient.

Was das alles noch mit Logopädie zu tun hat? Na, auch in 2013 gilt, dass es auch in unserer Disziplin heißt: das Runde muss ins Eckige! Was das für die Logopädie bedeuten könnte…(?)dazu später mehr.

Veröffentlicht von Norbert Frantzen

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Kerstin Schauß-Golecki Beantworten

    „zlatanera“ – eins von 40 neuen wörtern/neologismen im schwedischen nationalen wörterbuch!
    „zlatanieren“ ist wohl eher die deutsche Form 🙂

    ich verrate jetzt aber nicht, was es bedeutet! 😉

    und das wort „wulffen“ ist herrlich – vor allem die doppelbedeutung!

  2. Beatrice Rathey Beantworten

    Wo hast Du bloß die vielen Wörter her, Norberick? Danke für den schönen Artikel!

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