Die Ringveranstaltung der Schule für Logopädie in Kiel – Verständnis, Verknüpfung, Transfer

Was hat Haltungsarbeit mit Kindertherapie zu tun? Was hat Dysgrammatismustherapie mit Aphasikern zu tun? Was hat auditives Wahrnehmungstraining mit Stimmtherapie zu tun?

Zusammenhänge erkennen, Verknüpfungen bilden, Transferleistungen vollziehen –all das erwarten wir von unseren Schülern zumindest am Ende der Ausbildung. Doch wie kann es gelingen, dass bestimmte Grundlagen, Methoden, Konzepte nicht fachbezogen oder gar personenbezogen gelernt werden. Wie können schon während der Ausbildung Verknüpfungen und Übertragungen geschehen?

In diesem Zusammenhang hat sich das Team der Schule für Logopädie Kiel Gedanken zu einer Übergeordneten Veranstaltung gemacht, die wichtige Grundlagen und Aspekte für den Umgang mit allen Patienten vermittelt und somit wie ein roter Faden durch die gesamte Ausbildungszeit führt. Diese Veranstaltung wird Ringveranstaltung genannt, da sich einzelne Inhalte wie einzelne Ringe im Verlauf zu einem komplexen System miteinander verbinden. Durchgeführt werden die Ringveranstaltungen rotierend von allen Kollegen des Lehrlogopädenteams. Mindestens zwei Kollegen zeigen sich jeweils für die einzelnen Ringveranstaltungen verantwortlich.

In der ersten Ringveranstaltung, die am 2. Ausbildungstag durchgeführt wird, ist in der Regel das gesamte Team anwesend. Hier werden alle logopädischen Fächer mit übergeordneten Inhalten vor- und neben einander gestellt. Im Austausch mit den Schülern können hier erste Parallelen erkannt und Verknüpfungen gebildet werden. Inhalte und Themen der weiteren Ringveranstaltungen sind z. B. Grundlagen der Kommunikation, ICF, Lernen, Therapeutenverhalten, clinical reasoning, Humor in der Therapie, Umgang mit Verlust und Trauer.

Wissenschaftliches Arbeiten

Ein weiteres Thema der Ringveranstaltung ist die Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten. Aus der Vernetzung der Kieler Schule für Logopädie und den Schulen in Hamburg, Bremen und Oldenburg mit der Fachhochschule Oldenburg, Ostfriesland, Wilhelmshaven entstand eine Arbeitsgruppe, die sich u. a. zur Aufgabe gemacht hat, eine bessere Verknüpfung von Logopädie- Schulausbildung und dem Studium zum Bachelor Logopädie zu bewirken. Neben anderen relevanten Themen rückte das wissenschaftliche Arbeiten dabei besonders in den Vordergrund, weil alle Netzwerkschulen sich verpflichteten, ihre Studierenden im 5. Semester eine Studienarbeit schreiben zu lassen, die die Durchführung einer Mini-Studie zur Bedingung macht und das Üben wissenschaftlicher Arbeitsweisen ermöglicht.

Mit folgenden Themen werden unsere Studierenden auf diese Arbeit (und ein eventuell folgendes Studium) vorbereitet: Wir befassen uns mit der Frage, wie Wissenschaft eigentlich definiert ist und welche Prinzipien sich hinter wissenschaftlichem Arbeiten verbergen.

Der Sinn des Schreibens einer Studienarbeit wird transparent gemacht in dem Sinn, dass es die Möglichkeit bietet, ein derartiges Vorgehen zu testen und zu prüfen bzw. zu entdecken (!), ob es etwas ist, das einem liegt. Dazu werden Fragen der Vorbereitung einer Studie geklärt und die Phasen eines Forschungsprojektes näher beleuchtet. Das Vorgehen beim Erstellen einer Studienarbeit wird erläutert und der Frage nachgegangen, wie eine Recherche durchgeführt wird und welche Medien dafür vorzugsweise nutzbar sind. Es wird auf das Erstellen und Einhalten eines Zeitplans hingewiesen und die formalen Kriterien wissenschaftlicher Arbeiten gründlich betrachtet sowie eine Anleitung für die korrekte Umsetzung von Formalien ausgehändigt.

Mit Beispielen wird die Gliederung einer Studienarbeit transparent gemacht und dabei u. a. folgende Themen behandelt:

Wie wird ein Exposee geschrieben?

Was beinhaltet eine Einleitung?

Wie werden Hypothesen und Fragen entwickelt?

Wie sieht der Teil Grundlagen/ Literature review/ theoretischer Hintergrund aus?

Was gehört zu den Teilen ‚Methodik’ und ‚Durchführung’?

Wie können bzw. sollen Ergebnisse dargestellt werden?

Was ist eine ‚Diskussion’ in einer wissenschaftlichen Arbeit?

Was beinhalten Zusammenfassung und Ausblick im letzten Teil der Arbeit?

Was gehört in einen Anhang?

Um eine Wahrnehmung für die Sprache wissenschaftlicher Texte zu bekommen, werden Beispieltexte gelesen, analysiert und das Anwenden einer passenden ‚wissenschaftstauglichen’ Sprache geübt.

Nach Fertigstellung und Abgabe der Arbeiten werden die Themen, Fragestellungen und Ergebnisse von den Autoren/innen in einer mündlichen Präsentation allen Studierenden der Schule, den Lehrlogopäden und interessierten Dozenten nahe gebracht.

Die Rückmeldungen unserer Studierenden bezüglich des Schreibens dieser Arbeiten sind gut. Ein Ergebnis, dass sich immer wieder zeigt, ist der typische Stolz über das eigene Produkt und auch anfängliche Skeptiker äußerten ihr Erstaunen und ihre Freude darüber, dass sie sogar Spaß im Prozess entwickelt hätten (!).

Unser Hauptaugenmerk in diesem Stadium der Ausbildung liegt hauptsächlich auf diesem Prozess und der Auseinandersetzung mit den oben geschilderten Schritten.

Aber auch inhaltlich haben theoretische Ansätze und praxisorientierte Produkte wie u. a. Neuentwürfe von Diagnostikmaterial, Einzelfallbeobachtungen und Umfragen zu logopädierelevanten Themen schon zu interessanten Anregungen an der Schule für Logopädie in Kiel geführt.

Denise Stammer und Beatrice Rathey-Pötzke

Veröffentlicht von Beatrice Rathey-Pötzke

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