Gespannte Erwartung – aus dem Leben eines Therapieraums

Bereits in früheren Beiträgen auf dieser Seite wurde Einrichtungsgegenständen aus der Logopädieschule im Kieler Schloss eine Stimme gegeben. Da berichtete das Podest in der Halle von seinen Erlebnissen. Heute bekommen wir einen Einblick in die Wahrnehmungen eines Therapieraums. Wie bereits im letzten Beitrag dargestellt findet ein großer Teil der praktischen Ausbildung an der Lehranstalt selber statt. Dazu sind die Behandlungsräume mit Einwegscheiben ausgestattet, die es den HospitantInnen und SupervisorInnen ermöglichen, vom Nachbarraum zuschauen zu können, ohne den Behandlungsverlauf durch ihre Anwesenheit zu stören. (Manche kennen solche Spiegel-/Fensterscheiben aus Krimis im Fernsehen, wenn ein Verhör von außen beobachtet wird. Ein Gast, der einmal durch die Schule geführt wurde, schuf die etwas unpassende Wortneuschöfung „Spannerspiegel“ für diese Vorrichtungen.) Aber lauschen wir nun den bisher geheim gebliebenen Gedanken eines Therapieraums:

„Na, was erwartet mich heute wieder? Wenn ich mir die vielen Sachen hier anschaue, wird es wahrscheinlich ein kleines Kind sein. Hoffentlich eins, mit dem die Therapeuten diese schöne Übung machen, bei der meine Scheibe mit Schaum eingeschmiert wird- Oder es kommt vielleicht eins, das einen Obstsalat macht, dann riecht es so gut nach Bananen und Äpfeln. Weniger schön finde ich die Ausspracheübungen, denn dann wird manchmal der Spiegel oder mein Teppichboden feucht. Manchmal leide ich auch richtig mit, wenn die großen und kleinen Patienten es nicht schaffen, die Wörter aus sich heraus zu holen und das obwohl sie sich so sehr anstrengen. Dann bin ich auch schweißgebadet. Sehr schön klingt es manchmal, wenn Stimmübungen gemacht werden und bei den Entspannungsübungen kann ich auch herrlich relaxen. Manchmal würde ich mir etwas mehr Dekoration und Farbe wünschen, aber ich soll ja möglichst reizarm sein. Aber eigentlich kann ich mich nicht beschweren, denn es ist immer sehr abwechslungsreich, was ich so erleben darf, anders als bei einer Bekannten, die ist Wohnzimmer in einem Reihenhaus, da ist nicht so viel los. Außerdem ist es gut, dass ich nur eine 5-Tage -Woche habe, dann kann ich mir am Wochenende die vielen Eindrücke noch mal in Erinnerung rufen und ansonsten die Ruhe und den Ausblick auf die Kieler Förde genießen.

Die beiden, die den Raum gerade vorbereitet haben, waren ganz schön aufgeregt: es ist bestimmt eine ihrer ersten Therapien. Ich wünschte ich könnte sprechen, dann würde ich sie beruhigen. Denn weil ich schon so viel gesehen habe, könnte ich ihnen berichten, dass das am Anfang immer so ist, aber im Laufe der drei Jahre werden sie immer sicherer. Es ist immer wieder schön, diese Entwicklungen zu sehen und manchmal ist es richtig schade, dass sie dann gehen, wenn es am schönsten geworden ist. Aber so ist es nun mal.

Ich höre Stimmen… da kommen sie…die Tür wird geöffnet. Ich bin gespannt!!“

 

Veröffentlicht von Norbert Frantzen

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Beatrice Rathey Beantworten

    Das war aber sehr schön, mal einen Therapieraum sprechen zu hören. Da wurde mir ganz warm ums Herz, denn in so einem Therapieraum passiert wirklich viel. Und der Text gibt auf ungewöhnliche Art einen sehr plastischen Eindruck davon, was dort alles von denTherapeuten und Patienten erlebt wird. Danke!

  2. Hannes Bartschneider Beantworten

    Ich war vor Kurzem selbst zum ersten mal in einem Therapieraum. Er war mit individueller Ordinationsausrichtung eingestatte. Ich finde auch, dass es sehr diverse Einrichtungsgegenstände hier geben kann.

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