„Die Kunst des Miteinander-Redens“

Augenblicklich stellt es aus gegebenem Anlass ja wirklich eine „Kunst“ (im Sinne einer Herausforderung) dar, miteinander reden zu können. Der unmittelbare, analoge Austausch wird verhindert durch Kontaktverbote oder behindert durch Masken/Lappen/Tücher o.ä. vor dem Mund. Anstelle des direkten „Drahtes“ existieren zwar zahlreiche digitale Ersatzkanäle, die jedoch nur funktionieren, wenn man das notwendige, technische Equipment und Programme besitzt und das eigene mit dem des Gesprächspartners auch noch kompatibel ist. Und selbst wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, garantiert das keine störungsfreie, zufriedenstellende Verständigung, denn allzu häufig machen überlastete Netze oder andere Verbindungsprobleme das Gespräch mühsam und unbefriedigend.

Diese Art von Verständigungsproblemen werden in dem Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens“ von Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun (Carl Hanser Verlag, 2020, € 20.-) nicht verhandelt. Wie der Untertitel „Über den Dialog in Gesellschaft und Politik“ verrät, geht es weniger um den privaten Austausch, sondern um die Kommunikationsbedingungen im öffentlichen Raum. Trotzdem finden sich eine Fülle von Aspekten, die auch in persönlichen Gesprächen (oder als Therapeut*in im professionellen Umgang mit den Patienten) bedeutsam sind.

So lautet eine zentrale Aussage: „In einem Dialog beginnt die Wahrheit zu zweit.“ Damit ist folgendes gemeint: Die eigene Meinung sollte immer nur der Ausgangspunkt sein von dem aus man sich aufeinander zu bewegt. Es gilt die „Ruhebank der eigenen, festgefahrenen Wahrheiten/Gewissheiten“ zu verlassen und sich – ausgerüstet mit einer Portion „Überraschungsbereitschaft“ – im verbalen Austausch aufeinander-zu-zu-bewegen, um so gemeinsam der Wahrheitsfindung und Problemlösung im besten Fall ein Stück näher zu kommen. „Nicht die Widerlegung ist das erste Ziel des Miteinander-Redens, sondern das Erkennen des Anderen in seiner Andersartigkeit, vielleicht auch Fremdheit.“ (S.20) Sicherlich entwickelt dieses Szenario insgesamt eine sehr idealistische Sicht auf die Möglichkeiten zwischenmenschlicher Dialoge, denn wie wir alle aus zahlreichen eigenen Gesprächserfahrungen kennen, gibt es viele kommunikative Stolperfallen, die einen gemeinsamen Erkenntnisgewinn verhindern und stattdessen zu Konflikten führen.

Pörksen und Schulz von Thun beschreiben an zahlreichen Beispielen aus politischen und gesellschaftlichen Kontexten, wie Kommunikation trotz Meinungsunterschieden gelingen kann. Sie betonen, dass grundlegend eine Kombination aus Wertschätzung und Streitbarkeit von Nöten sei. Auf dieser Basis ist ein Dreischritt der Annäherung und Auseinandersetzung hilfreich, der folgende Punkte umfasst: zuerst geht es darum, den anderen mit seiner Sicht, in seiner Haltung zu „verstehen“. Diese genaue, differenzierte Wahrnehmung erlaubt es dann, „Verständnis“ aufzubringen, warum das Gegenüber so denkt und fühlt, wie es denkt und fühlt. Als dritter Schritt stellt sich dann die Frage, ob man mit der Position des Anderen „einverstanden“ ist. Wenn das nicht der Fall ist, gilt es, dies klar zum Ausdruck zu bringen. Das bewusste Unterscheiden dieser drei Phasen ermöglicht eine klarere Differenzierung, dass man nicht der Person , sondern erst ihrer Meinung die Wertschätzung verweigert.

Abgesehen von den Inhalten ist die Konzeption des Buches beeindruckend, da es beispielhaft die genannten Punkte lebt, denn es ist in Dialogform verfasst. Grundlage stellen zahlreiche Unterhaltungen dar, die die beiden Autoren in den letzten Jahren geführt haben. Einige Passagen haben fast wörtlich Eingang in das Buch gefunden, aber viele sind nach der Transkription in einem langen Prozess überarbeitet worden, um die relevanten Aussagen präziser herausschälen zu können. Für den/die Leser*in ist die Lektüre dieser dialogischen Form sehr angenehm.

Fazit: Insgesamt ein sehr lesenswertes Fachbuch, das die Grundlagen des bekannten Kommunikationsmodells von Schulz von Thun erweitert, indem es im Austausch mit dem Medienwissenschaftler Pörksen auf die speziellen Besonderheiten der modernen Kommunikation in Politik und Gesellschaft angewendet modifiziert wird.

Und es zeigt, wie tiefgründig und Erkenntnis gewinnend der dialogische Austausch sein könnte, wenn entweder die technischen Schwierigkeiten nicht so stören würden – so wie im Moment häufig – oder wenn sich der Mensch mit eher kontraproduktivem Gesprächsverhalten nicht allzu häufig  selber im Weg stehen würde.

Veröffentlicht von Norbert Frantzen

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