Renate blinzelt gegen das grell-einfallende Licht aus dem Fenster des Unterrichtsraums. In der letzten Stunde hat sie die spannende (aber auch manchmal gruselige) Pathologie-Vorlesung davon abgehalten, den Blick nach draußen zu richten. Stattdessen starrte sie wie gebannt auf die projizierten Bilder der Krankheiten, die es so gibt. Staunend und dankbar über ihre eigene Gesundheit seufzt sie nun auf und will ihr Glücksgefühl darüber noch mit einem schönen Blick auf die Kieler Förde toppen.

Doch was ist das: Statt in die Ferne schweifen zu können, prallen die Augen alsbald auf ein Hindernis, dass sich wie eine Wand vor die Aussicht geschoben hat. Ach ja! Ihr fällt ein, dass sie in der Zeitung gelesen hat, dass die Kreuzfahrtsaison begonnen hat. In diesem Jahr werden direkt unter dem Fenster des Unterrichtsraumes 127 Kreutzfahrtschiffe erwartet! Heute ist die Aida Sol angelandet. Ströme von aufgeregten Passagieren schieben sich voller Vorfreude und Koffer tragend an Bord.

Es herrscht hektischer Hochbetrieb, da die letzten Versorgungslieferungen ankommen, um den Gästen an Bord alle erdenklichen Genüsse bieten zu können. Renate spürt, während sie die Vorbereitungen zum Ablegen beobachtet, ein sehnsuchtsvolles Kribbeln in ihrem Bauch. Wie gerne würde sie jetzt mitfahren auf diese Seereise – egal wohin. Renate freut sich schon darauf, ihren lang gehegten Traum endlich umsetzen zu können, wenn sie im nächsten Jahr mit der Logopädieausbildung fertig ist. Dann wird sie an der Reling stehen und dem kleiner werdenden Kieler Schloss zuwinken und wird sich an amüsante Anekdoten mit Mitschülerinnen und Dozenten im Laufe der zurückliegenden, guten und intensiven drei Jahre erinnern.

Die Zeit bis dahin tröstet sie sich mit dem Anblick der schwimmenden Städte da unten am Ostseekai. Auch wenn es manchmal fast etwas hobbymasochistisches hat, so ist sie doch so froh über ihre Entscheidung in Kiel die Ausbildung begonnen zu haben und so ihrem Traum schon nah sein zu können.

Plötzlich kommt Renate eine Idee: Wie wäre es eigentlich, als fertige Logopädin an Bord zu arbeiten und gut situierte Reisende im angenehmen Ambiente und gewürzt mit belebender Seeluft logopädisch zu behandeln? So ließe sich ein Teil der Reisekosten refinanzieren! Mal sehen…

Jetzt hat Renate erst einmal eine viel näher liegende Verwendung für ihre Kreuzfahrtleidenschaft. Sie braucht für die Therapie heute Nachmittag noch ein paar niedrigfrequente Eigennamen: Da kommen die Begriffe „Aida Sol“, MSC Poesia“ und Princess Daphne“ doch gerade recht…

 Demnächst hier:… was haben das Kreuzen gegen den Wind und die Logopädie gemeinsam? Oder Finns Abenteuer vor Schilksee

 Wortflüsterer

 

 

Veröffentlicht von Norbert Frantzen

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